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SEKTION 4S

 

 

In der Sektion 4S sind Texte zu Seuchen, Siechtum, Satire und Sarkasmus versammelt.

 

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Wie gehen wir mit dem Tod um? Mit Krankheit, Sterblichkeit und Vergänglichkeit? Welchen Stellenwert besitzt das Leben (die Summe aller Leben) gegenüber dem eigenen (individuellen) Leben? Dürfen wir heute in der Tradition des Skeptizismus politische Entscheidungen hinterfragen, ohne sogleich in eine extreme Position gestellt zu werden, versehen mit der Brandmarkung einer schlagzeilenhungrigen Medienlandschaft? Sind die unserer Freiheit zugrundeliegenden Prinzipien antastbar? Existiert noch eine Bildung, die zur Selbstreflexion und Kritik befähigt? Kann der Einzelne das Ganze erfassen oder fehlt er an der Bruchstelle zu ihm? Ist der „gesunde Menschenverstand“ ein Oxymoron?

 

Eine Versuchsanordnung:

 

Totentanz

 

Der Tod:

„Heran, ihr Sterblichen, das Glas ist aus, heran

Vom Höchsten in der Welt bis auf den Bauersmann.

Das Weigern ist umsonst, umsonst ist alles Klagen,

Ihr müsset einen Tanz nach meiner Pfeife wagen.“

 

Der Aufgeschreckte:

Oh Gott, unfaßbar, doch ich hab‘ mich infiziert,

Im Labor der Arzt mein Ende diagnostiziert.

Ja so, wie ein jeder Tag die Nacht sein eigen nennt,

Ist mir jetzt klar, daß mein letztes Stündchen in mir pennt.

 

Beim Totentanz fehlt mir erst noch der rechte Schritt,

Bin ein unmündig‘ Kind und find nicht in den Tritt.

Die Gewählten, die mich beherrschen, es mir sagen,

Wie ich hoffärtig nun mein Tanzkleid hab‘ zu tragen.

 

Der Tod zum Arzte:

„Beschaue dich nur selbst, und nicht dein Krankenglas,

Du bist dem Körper nach so dauerhaft als das.

Ein Stoß zerbricht das Glas, der Mensch zerfällt im Sterben,

Was findet man hernach von beiden? nichts als Scherben.“

 

Der Arzt zum Tode:

„Verläßt mich meine Kunst, alsdann gesteh‘ ich frei,

Daß zwischen Glas und Mensch kein Unterschied nicht sei.

Ihr Brüder, sucht umsonst in Gärten, Tälern, Gründen,

Um für die letzte Not ein Recipe zu finden.“

 

Der Tod:

Spielt auf, ich freu‘ mich auf den nächsten Reigen, auf

Mehr Intensivkapazitäten, den Verlauf

Der Hysterie, die nächste Überpopulation!

Zum Tanzen bin ich allzeit bereit, ich warte schon!

 

Die Moral:

Sogar Lockdown und lebenslange Maskenpflicht,

Jeden heilgeißelnd, schützen uns vorm Sterben nicht!

Immer weiter drehen wir alle uns im Kreise,

Und vom Machterhalt Getriebne sind selten weise.

 

 

In Zitatzeichen gesetzte Anleihen stammen von Nathanael Schott, aus den hochdeutschen Versen von 1701 zum Lübecker Totentanz, entnommen aus: „Totentanz in der St. Marienkirche zu Lübeck aus dem Jahr 1463, erneuert 1701 von Nathanael Schott“; Lübeck: Gebrüder Borchers GmbH, 1923.

September 2020

 

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ruere in servitium

 

Es ist schön, daß mich meine Regierung vor dem Corona-Virus schützt und es ist auch schön, daß sie mich vorsorglich vor meiner Eigenverantwortung schützt. Denn als ein in diesem Land sozialisierter Bürger wäre ich außerstande, unter Abwägung aller Informationen, eine sozial tragfähige Entscheidung für mein Verhalten zu treffen. Zu sehr bin ich geprägt von systematisch gleichgeschalteten Wertmaßstäben und würde wieder und wieder diese fürsorgliche Regierung wählen, die, frei von jeglichem Eigennutz, unser aller Leben höher stellt als ihre Macht.

Oktober 2020

 

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Ver-Ordnungen

 

Erinnern irgendwie an Goethes Zauberlehrling, mit dem Unterschied, daß die heutigen Hexenmeister dem Zauberlehrling nicht das Wasser reichen können, sondern es ihm abgraben, indem sie versuchen, ihn über Wasser zu halten. Verdammt verwässert, das Ganze!
Wird hier nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? Apropos Kind: die Kinder, die das Eingebrockte auslöffeln müssen, besitzen noch gar keinen Löffel… Und wie war das eigentlich mit dem Löffelabgeben? – Doch genug der Redewendungen, denn in ihnen stecken „Endungen“. Und darüber zu reden, verbietet sich, zumindest heute. Und dennoch: Als Phänomen ist der Tod banal, individuell erlebt, mitunter katastrophal, denn Menschen trauern um den Verlust von Menschen. Abstrakte Zahlen rufen indes keine Gefühle hervor. Doch warum kommen sie zum Einsatz? Sind wir als Gesellschaft in unserer Entwicklung wirklich weiter gekommen? – Ist das Gegenteil von Haltung Gleichschaltung? Und von pluralistischer Führung der Führer? Führt alsbald das Prüfen des verschenkten Rats zum Verrat? Ist unsere Entscheidungsfreiheit über die „letzte Zukunft des Lebens“ nur noch eine Utopie?

Dezember 2020

 

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Ohnmacht, oh Macht

 

Das Kopflose macht ohne Führen Panik.

Die Führer machen Panik den Kopflosen.

Die Kopflosen mit Panik machen den Führer.

 

Arme gehen hoch und lange bleiben sie oben.

Drum üb’ ersetzen, Los-Lösung;

schon bald gibt’s ein Toben.

 

Januar 2021